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Grand Hotel Wiesler Graz *****
Das Hotel und seine Geschichte
Artikel vom 27. September 2003
 
Das Grand Hotel Wiesler ist das einzige Fünf-Sterne-Hotel in Österreichs zweitgrösster Stadt Graz. Bereits 1637 stand auf einem Teil des Grundstücks des heutigen Hotels der Gasthof zum "Roten Igel". Er stand strategisch günstig in der Murvorstadt, an der einzigen überdachten, mautpflichtigen Brücke in die befestigte Innenstadt. Der bürgerliche Gastwirt Kratzer, der 1751 als Besitzer genannt wird, machte aus dem alten Gasthof neu den "Goldenen Engel am Gries", der erstmals 1857 erwähnt wird. 1871 kaufte Carl Wiesler das Haus. Er war damals Wirt der Gasthöfe "Zum Stern am Karmeliterplatz" und "Tiroler Weinstube" in der Färbergasse. Er baute den Gasthof zum "Hotel zum Goldenen Engel" aus. 1887 kaufte seine Frau, die bereits verwitwete Maria Wiesler, das einstöckige Haus am Fischmarkt, heute Grieskai 4. Damit legte sie den Grundstein für den Ausbau und die Erweiterung des Hotels.

Das Hotel veränderte sich wesentlich unter dem Sohn von Carl und Maria, Kommerzialrat Anton Wiesler. Er liess das von seiner Mutter gekaufte Haus abtragen, den Hoftrakt und den ersten Teil des Hotels neu errichten. 1897 kaufte er das angrenzende Haus Grieskai 6 hinzu. Das alte Stammhaus Grieskai 5 wurde 1894 und 1902 neu errichtet.

In der Umbauphase von 1902 wurde durch den Architekten und Maler Marcel Kammerer (1878-1969) das Innere des Hotels neu gestaltet. Kammerer trat 1897, nach der Ausbildung an der Wiener Staatsgewerbeschule, in ein Atelier ein. Er arbeitete beim Bau des Secessionsgebäudes mit und studierte von 1898 bis 1901 beim Architekten Otto Wagner (1841-1918) an der Wiener Kunstakademie. Bei Wagner war er anschliessend als Assistent und Mitarbeiter tätig. Kammerer gehörte zum engsten Kreis um Otto Wagner und Josef Hoffmann. Von 1909 bis 1918 bildete er mit den Wagner-Schülern Emil Hoppe und Otto Schönthal eine erfolgreiche Arbeitsgemeinschaft. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte Kammerer als hoch geschätzter Maler in der Ära des Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte er nach Kanada aus.

Bei der Bürgerstube, im Klubzimmer, dem Lese- und Schreibzimmer sowie in den Hotelzimmern orientierte sich Marcel Kammerer 1902 am Jugendstil, gleichzeitig war der englische Einfluss stark erkennbar. Die Möbel für den Speisesaal wie auch für die anderen Räume fertigte die Firma Thonet nach Entwürfen von Kammerer. Die exklusiv für das Hotel entworfenen Sessel stellt Thonet heute als "Serie Kammerer" wieder her. In den Hotelzimmern setzte Kammerer auf türkisblaue gebeizte Möbel mit Perlmutt- und Goldeinlagen, graublaue Wände und rotgestrichene Decken. So sorgte er für eine gediegene, behagliche Atmosphäre von Schlichtheit und Eleganz.
 
Von 1907 bis 1909 liess Anton Wiesler den Jugendstiltrakt am Grieskai 8 durch Marcel Kammerer errichten, der bereits 1902 einen nicht ausgeführten Entwurf für die neue Fassade entworfen hatte. Bewusst sichtbar beliess der Architekt die Stahlbetonunterzüge im Speisesaal, dem heutigen Frühstückssaal. So wurde in Graz erstmals in einem repräsentativen Innenraum die moderne Raumtechnik sichtbar gemacht. Marcel Kammerer statte einige Zimmer mit Möbeln aus, die eng an Biedermeierinterieurs erinnerten. Andere Zimmer erhielten weiss gestrichene Möbel, die mit einer schwarzen Ornamentik dekoriert waren, die sich fast ganz auf die Betonung der Flächen reduzierte. So entstand eine fast klinische Atmosphäre.
 
1909 wurde das Hotel als Grand Hotel Wiesler wiedereröffnet. Es verfügte als erstes in Graz über einen Lift. Der "Vacuum-Cleaner", ein englisches Patent, sorgte mit seinem im ganzen Haus verlegten Rohrsystem und einer Luftpumpe im Keller für Sauberkeit. Elektrische Beleuchtung, Zentralheizung, Bäder und eines der ersten Telefone der Stadt mit der Rufnummer "153" sorgten für die damalige Zeit höchsten Komfort.

Beim Grand Hotel Wiesler handelt sich um den bestdokumentierten Grazer Bau der Jahrhundertwende, der zudem internationale Beachtung fand. Auf der Internationalen Kunstausstellung in Rom von 1911 wurden in einem der Gesellschaft österreichischer Architekten gewidmeten Raum die Entwürfe von Marcel Kammerer zum Grand Hotel Wiesler in Graz gezeigt.
 
Leopold Forstner (1878-1936) schuf für das Grand Café im Grand Hotel Wiesler mit der Frühling (oder Geburt der Venus) eines der grössten Jugendstilmosaike der Welt. In der Nazizeit wäre es fast zerstört worden. Doch Dr. Herbert Wiesler liess das Mosaik nur mit einer Sperrholzplatte abdecken und darüber eine Wand tapezieren. Der Frühling wurde erst 1981 wieder "hervorgeholt", als der Jugendstil wieder in Mode kam. Zurück zum Grand Café: Sowohl die Stühle als auch die Marmortische im heutigen Frühstückssaal sind original. Das über dem Eingang hängende Jugendstilbild Herbst 1902 stammt von Marcel Kammerer.

Leopold Forstner war übrigens ein Schüler von Koloman Moser (1869-1918), dem Mitbegründer der Wiener Secession und der Wiener Werkstätte. 1908 gründete Forstner die Wiener Mosaik Werkstätte. Zusammen mit seinem Freund Gustav Klimt schuf er das Beethovenfries in Wien. Die zwei Künstler arbeiteten auch miteinander für Josef Hoffmanns Palais Stoclet in Brüssel, für das Forstner Mosaike schuf. Nach 1918 wurde der Betrieb von Forstner in Stockerau als Werkstätte für Edelglas, Mosaike und Emailarbeiten weitergeführt.
 
Im 2. Stock des Grand Hotels Wiesler hängen Stoffproben der Firma Backhausen, die seit über 150 Jahren tätig ist und zu seinen Kunden die Staatsoper in Wien oder den Dänischen Königshof zählt. Bei der textilen Ausstattung historischer Repräsentationsbauten ist Backhausen oft erste Wahl. Um 1900 arbeitete die Textilfirma eng mit der Wiener Werkstätte zusammen. Im Grand Hotel Wiesler sind leider keine originalen Jugendstilstoffe m ehr erhalten. In diesem Zusammenhang sei ein trauriges Kapitel erwähnt: Nach dem Verkauf des Hotels durch die Familie Wiesler und vor dem Erwerb durch die Familie Weitzer verkaufte ein Zwischenbesitzer die Jugendstilmöbel - ein unentschuldbares Verbrechen am Erbe des Hotels.
 
Ab 1927 lud Dr. Herbert Wiesler, ein Freund und Mitglied der Grazer Secession, die secessionistischen Künstler jährlich zu Faschingsveranstaltungen in sein Grand Hotel Wiesler ein. Nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland wurde die Kunst der Secession 1938 als nicht mehr tragbar erklärt und aufgelöst. Hitler mied das Hotel bei seinem ersten Besuch in Graz, da Dr. Herbert Wiesler nicht regimekonform politisch tätig gewesen war.

Am 31. März 1945 wurde das Grand Hotel Wiesler von vierzehn Brandbomben getroffen. Das Haus brannte in den obersten Stockwerken wie auch in der Halle. Die Luftschutzfeuerwehr des Hauses löschte den Brand mit Hilfe von Gästen. Noch bei den Umbauarbeiten von 1985 wurde ein Blindgänger einer Brandbombe in einem Holztram des Daches gefunden.

Im Mai 1945 wurde das Hotel von der Roten Armee teilrequiriert. Glücklicherweise wurde nur der Weinkeller geleert und ein Grossteil des Hotelsilbers verschwand. Im Juli 1945 fiel Graz in die britische Zone. Von 1945 bis 1954 diente das Hotel daher als "British Officers Hotel and Club".

1986 wurde das Hotel stilgerecht renoviert und als 5-Sterne-Hotel wiedereröffnet. 1999 wurde alle Zimmer mit einer Klimaanlage ausgestattet. Seit 2003 bietet das Hotel im ganzen Haus den Internetzugang über Wireless-LAN an. Daneben gibt es im Erdgeschoss einen gratis Internet-Corner. Alle öffentlichen Räume haben einen Netzwerkzugang. Nicht zu überzeugen vermochten im Februar 2003 allerdings die veralteten Fernseher in vielen Zimmern, so auch in der Junior Suite Zimmer 421, wo Cosmopolis zu Gast war. Gemäss Direktor Hubert Aumeier wird es bis Ende 2003 in allen Zimmern neue TVs geben.
 
Natürlich hat das Grand Hotel Wiesler schon viele Berühmtheiten als Gäste empfangen. Einige der vielen Namen aus dem Musikbereich: Alfred Brendel, Friedrich Gulda, Miles Davis, Dave Brubeck, Joe Zawinul, Herbie Hancock, Carlos Santana, die Rolling Stones, Joe Cocker, Marianne Faithful. Einige Namen von Politikern: Dr. Benita Ferrero-Waldner, Dr. Susanne Riess-Passer, Dr. Thomas Klestil. Die vielen Jazzmusiker in diesem Ausschnitt der Gästeliste sind kein Zufall, denn unter den Wiesler waren und sind Jazzfans. Der sonntägliche Jazz Brunch im Grand Hotel Wiesler mit Bands aus Graz und ganz Österreich wird von der Familie Weitzer weiter geführt. Von Oktober 2002 bis Juni 2003 fand bereits seine 17. Saison statt. 
 
Im Februar 2003 logierten, arbeiteten und speisten der Schauspieler Karl Maria Brandauer und der Dirigent Valery Gergiev im Hotel. Der Schreibende widerstand erfolgreich der Versuchung, den Dirigenten auf ein Interview anzusprechen und gönnte dem vielbeschäftigten Künstler seine Ruhe.
 
Als bisher beeindruckendste Erfahrung im Grand Hotel Wiesler bezeichnete der erst seit Anfang 2003 als Direktor wirkende Hubert Aumeier die Begegnung mit dem Dalai Lama und seinem Gefolge. Insbesondere der tibetanische Lebensrhythmus mit täglich auf die Minute genauer Tagwache um 3 Uhr 30 und Frühstück um 4 Uhr 12, alles ohne Uhr oder Wecker, fasziniert ihn bis heute.
 
Das Grand Hotel Wiesler liegt übrigens direkt neben dem brandneuen, blauen Farbtupfer von Graz, dem Kunsthaus, in dem zukünftig Wechselausstellungen organisiert werden. Beim Besuch von Cosmopolis im Februar 2003 war es noch im Bau. Heute, am 27. September 2003, öffnet es erstmals seine Pforten.
 

Das Grand Café mit dem Jugendstilmosaik Frühling (oder Geburt der Venus),
nach einem Entwurf von Leopold Forster von der Wiener Mosaik Werkstätte
hergestellt. Foto © Grand Hotel Wiesler.
 

Die Lobby. Photos ©  Grand Hotel Wiesler.


 
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Blick in eine der Jugendstil-Suiten. Photos © Grand Hotel Wiesler.
 

Blick vom Grand Hotel Wiesler auf den Schlossberg. Photos ©  Grand Hotel Wiesler.
 
Quellen, weiterführende Literatur
- Brigitte Hiti: Der Otto Wagner-Schüler Marcel Kammerer und sein Hauptwerk: Das Grand Hotel Wiesler in Graz. Diplomarbeit, Graz, 1989.
- Wilhelm Mrazek: Wiener Mosaikwerkstätte Leopold Forstner. Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für angewandte Kunst Wien, 1975/1976, Wien, 1975. 
- Wilhelm Mrazek: Leopold Forstner. Ein Maler und Materialkünstler des Wiener Jugendstils. Wien, 1981.
- Antje Senarclens de Grancy: "Moderner Stil" und "Heimisches Bauen". Architekturreform in Graz um 1900. Böhlau Verlag, Wien. Zum Grand Hotel Wiesler: S. 229-240.
- Mag. Dr. Peter Wiesler: Grand Hotel Wiesler Graz. Die Geschichte des Hauses, seiner Vorbesitzer und der Familie Wiesler, Graz, 1997.
 

 

 

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