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Das Hotel Erzherzog
Johann in Graz ****
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Artikel vom 27. September 2003
Das Hotel Erzherzog Johann
wurde im Jahr 1900 von einem Grossonkel des heutigen Besitzers, Bernhard
Reif-Breitwieser, erworben. Die Geschichte des Hauses reicht allerdings viel weiter zurück.
Seine Wurzeln liegen im 12. Jahrhundert. Aus einer Urkunde von Erzherzog
Ferdinand von 1596 geht hervor, dass das Haus an der Sackstrasse 5 bereits
damals als Reisequartier für allerhöchste Herrschaften diente. Den
Palais-Charakter erhielt das Erzherzog Johann in der Blütezeit des Barock
im 17. Jahrhundert. Der Einkehrhof wurde zum feudalen Palais umgebaut, in
dem auch gespeist werden konnte. Der
Wintergarten und die Schmiederarbeiten für die Geländer im Innenhof sind
im barocken Original erhalten. Im heutigen Roten
Salon im Restaurant Wintergarten kann man die Rundbögen
sehen, unter denen einst die Pferdestallungen der Herrschaften eingerichtet waren.
1852 wurde das vornehme Palais von Ferdinand Sonnhammer gepachtet, in ein
Hotel umfunktioniert und 1877 gekauft. Sonnhammer erwarb auch die Häuser
Badgasse 4 und Sackstrasse 3, sodass das Hotel noch heute aus drei Häusern der Barockzeit
besteht. Er fragte Erzherzog Johann an, ob er die Hotelpatenschaft
übernehmen wolle, und der Erzherzog stimmte gerne der Namensgebung zu. Erzherzog Johann kam
übrigens auf Grund seiner Liebesheirat mit der bürgerlichen
Postmeistertochter Anna Plochl für die Kaisernachfolge nicht in Frage, wofür
seine Chancen als sechster Sohn von Kaiser Leopold II. allerdings ohnehin
gering waren. Noch heute im Bewusstsein der Stadt Graz ist Erzherzog
Johann nicht nur wegen seiner Volkstümlichkeit, sondern vor allem, weil
er 1811 das steirische Landesmuseum (Joanneum) stiftete.
Die Sackstrasse ist eine der ältesten Strassen von Graz. Die zur
Sackstrasse liegende Aussenfassade des denkmalgeschützten Hotels
Erzherzog Johann wurde 1902 von Karl Walenta im secessionistischen Stil
entworfen. Gleichzeitig wurde das Haus modernisiert. Das Hotel steht
insofern exemplarisch für Graz, als die Stadt mit Gebäuden aus allen
Stilepochen von der Renaissance über den Barock bis zum Jugendstil
auftrumpfen kann.
Die Gänge im Hotel Erzherzog Johann wurden leicht abfallend gebaut, damit
der Regen ablaufen konnte, denn im Barock gab es das um 1902 erbaute Glasdach
noch nicht, das auch heute noch den Innenhof mit dem Wintergarten und
seinem Restaurant
überdacht.
Erhalten sind zwei Jugendstiltüren, eine mit gemalten, die andere mit
geätzten Scheiben, die in den Wintergarten führen.
Die reiche Geschichte des Hotels Erzherzog Johan spiegelt sich im Mobiliar
des heutigen Hotels wieder. Das Maximilian-Zimmer ist nach dem Kaiser von Mexiko
benannt. Bevor Ferdinand Maximilian auf Betreiben Napoleons III. als
Kaiser (1864-1867) nach Mexiko reiste, wo er auf Grund einer
französisch-englisch-spanischen Intervention auf den Thron kam, aber nach
drei Jahren vom liberalen mexikanischen Präsidenten Benito Juárez
García gestürzt und danach von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt
und 1867 erschossen werden sollte, verbrachte er eine Nacht im Grazer
Hotel, wofür extra ein Bett aus London angeschafft wurde. In diesem Bett
können Sie heute noch nächtigen. Da Maximilian klein war, wurde das Bett
nicht nur restauriert, sondern musste für die heutigen Gäste auch
verlängert werden.
Das Maximilian-Zimmer ist mit schwarzen Möbeln mit
Perlmuttintarsien von zirka 1870 ausgestattet. Daneben besitzt das Hotel
Erzherzog Johann einige Themenzimmer, so ein chinesisches und ein
marokkanisches mit Perlmuttmöbeln (Bett, Nachtisch, Spiegel,
Jugendstilsekretär, etc.).
Das Hotel ist allerdings nicht nur der Vergangenheit verhaftet, sondern
auch der Gegenwart verpflichtet. Es ist dem Besitzer Bernhard Reif-Breitwieser ein
persönliches Anliegen, die zeitgenössische Kunst zu fördern. Im Marokkanischen Zimmer sind Fotos von
Robert W. Sackl-Kahr Sagostin (*1960) ausgestellt, der 2001 den
Polaroid-Foto-Wettbewerb gewann. Die ausgestellten Werke sind mit
eingespritzter Flüssigkeit veränderte Fotos.
Ebenfalls ein Beitrag zur Förderung lebender Künstler liefert der Ritter
von Franck-Saal, der nach einem berühmten Bürgermeister der Stadt
benannt ist und als Frühstückssaal des Hotels dient. Darin hängen zwei
Ölgemälde des zeitgenössischen österreichischen Malers Roman Scheidl.
2003 kamen zusätzlich zwei 2.5 Meter hohe, vom selben Künstler
gestaltete Glasscheiben hinzu.
Unter den vielen Berühmtheiten, die im Hotel Erzherzog Johann
übernachtet haben, sei nur auf den Komponisten Johannes Brahms und den
Kanzler Wolfgang Schüssel verwiesen. Einige Künstler haben übrigens
nicht nur im Hotel geschlafen, sondern es auch in ihren Werken verewigt.
Der berühmteste ist Thomas Bernhard (1931-1989), der das Hotel in seinem
Drama Heldenplatz von 1988 erwähnt (Buch bestellen bei Amazon.de).
Die Zimmer und Suiten im Erzherzog Johann haben alle unterschiedliche Formen und sind
individuell gestaltet. Die wenigen, die noch nicht mit sehenswerten
Möbeln und anderen Details ausgestattet sind (darunter leider dasjenige,
in dem Cosmopolis zu Gast war), kommen Zug um Zug in den Genuss
dekorativer Stücke.
Das Hotel ist ein "work in progress".
Im Jahr 2003 erhielten alle Zimmer einen ADSL-Zugang und im Dach wurde eine dritte Suite eingerichtet; bis anhin gab
es nur deren zwei, die Erzherzog Johann- und die Erzherzog
Friedrich-Suite, die beide mit Biedermeier- und Jugendstil-Möbeln
eingerichtet sind. Aus der Barockzeit sind übrigens keine Möbel mehr
vorhanden, sondern nur noch drei Kachelöfen, die ausser Betrieb sind.
Das Hotel kann seit 2003 mit einem Wanda Sacher-Masoch-Zimmer aufwarten,
das die Performance-Künstlerin Irene Andessner im Rahmen ihres
Kulturhauptstadt-Projektes Wanda SM als Rauminstallation in
jungfräulich, unschuldigem Weiss mit rotem Himmelbett als
Rauminstallation eingerichtet hat. Das macht mehrfach Sinn: Ritter Leopold
von Sacher-Masoch (1836-1895) schrieb 1869 den Roman Venus im Pelz
weitgehend in Graz. Vorbild für die Figur der "Wanda Fürstin von
Dunajew" war die Grazerin Angelika Aurora Rümelin, seine spätere
erste Ehefrau. Zudem pflegte Sacher-Masoch nach dem Theaterbesuch im Hotel
Erzherzog Johann zu soupieren, zuerst mit seiner Muse Gräfin Fanny Pistor
Bogdanoff, dann mit seiner Verlobten, der Schauspielerin Frauenthal,
schliesslich mit seiner ersten Ehefrau "Wanda". Und in Graz
lehrte der Psychiater Richard Freiherr von Krafft-Ebing, der mit seinen
Studien zur Sexualpathologie und zur Kriminalpsychologie grundlegende
Forschung betrieb. 1890 kreierte er den Begriff Masochismus, in Anlehnung
an Sacher-Masoch.
Das Hotel Erzherzog Johann steht 2003 nicht alleine mit seinem Bezug auf
Sacher-Masoch. Die sich ebenfalls in der Sackstrasse befindlichen Museen
Neue Galerie und Stadtmuseum zeigen die Ausstellung Phantom der Lust:
Visionen des Masochismus in der Kunst (Zutritt ab 18 Jahren).
Das Café Erzherzog Johann beliefert verschiedene Cafés in Graz mit
Torten und anderem, so das Operncafé schräg gegenüber der Oper.
Das Café offeriert im Hotel neben traditionellen Leckereien zwei
hauseigene Kreationen, die dem Schreibenden zwar schwer auf dem Magen
liegen blieben, jedoch zu den Bestsellern der Konditorei gehören: Die Erzherzog
Johann-Torte (1995) und die Wanda Sacher-Masoch-Torte (2003).
Beide liessen die Hotelbesitzer in weiser Voraussicht in ganz Österreich
rechtlich schützen; ein ähnliches Drama wie dasjenige um die Sachertorte
in Wien wollte man wohl im vornherein ausschliessen.
Die Erzherzog Johann Torte besteht aus einer dunklen
Schokoladenmasse mit Kürbiskernen und Parisercreme, das ganze ist mit
Marzipan und weisser Schokolade überzogen.
Die Wanda Sacher-Masoch-Torte wurde vom Chefpatissier Karl
Fröhlich als Beitrag zu Graz als Kulturhauptstadt Europas 2003 und als
Hommage an die Namensgeberin aus wilden Preiselbeeren, orientalischem
Marzipan, bitterer Herrenschokolade und süssem Orangenlikör komponiert.
Die Schatulle der verführerischen Torte ziert ein Porträt der
Performance-Künstlerin Irene Andessner, die sich dazu wie auch
anlässlich der Tortenpräsentation in eine zeitgenössische Wanda
Sacher-Masoch verwandelte.
Das Hotel Erzherzog Johann betreibt unter Bernhard Reif-Breitwieser eine
doppelt aktive Kulturpolitik: Einerseits werden eine denkmalgeschützte
Immobilie und antike Möbel erhalten, andererseits werden zeitgenössische
Künstler verschiedenster Sparten und Stilrichtungen unterstützt. Bravo!
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Die Hotelfassade. Foto: © Hotel Erzherzog Johann.
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Das Maximilian-Zimmer. Foto: © Hotel Erzherzog Johann.

Die Erzherzog Johann Suite. Foto: © Hotel Erzherzog Johann.
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