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Nr. 65, November 2004
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Pariser Stadtgeschichte, Teil 2
Von Napoléon bis heute
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Artikel vom 2. November 2004
 
Der korsische Feldherr Napoléon Bonaparte zeichnete sich bei der Niederschlagung eines royalistischen Aufstands 1795 und in zahlreichen Feldzügen der Revolutionszeit aus. 1799 stürzte er das Direktorium und setzte sich als erster von drei auf zehn Jahre gewählten Konsuln an die Staatsspitze. Gestützt auf Plebiszite machte er sich 1802 zum Konsul auf Lebenszeit und krönte sich am 2. Dezember 1804 in der Kathedrale Notre-Dame selbst zum erblichen Kaiser der Franzosen, so seine Unabhängigkeit von der Kirche demonstrierend, woraufhin ihn der Papst weihte.

Der Code Napoléon des Korsen gab der europäischen Rechtsgeschichte entscheidende Impulse und bestimmt das bürgerliche Recht in Frankreich bis heute. Er teilte das Land in Départements ein, schuf das Amt des Polizeipräfekten, liess den Arc de Triomphe bauen, gestaltete die Rue de Rivoli neu und erweiterte den Louvre, seit 1793 ein öffentliches Museum, das er mit seiner Kriegsbeute füllte. Denn Europa, Russland und die Kolonialgebiete überzog er mit verlustreichen Kriegen. Die Niederlage 1813 bei der Völkerschlacht bei Leipzig leitete sein Ende ein. Nach der Besetzung von Paris durch die Verbündeten setzte der Senat im April des Folgejahres Napoléon I ab. Nach einem Intermezzo von hundert Tagen verlor der Kaiser nach der Niederlage 1814 bei Waterloo endgültig die Herrschaft.

Die Seine trocknete früher im Sommer aus. Die Folge war akuter Wassermangel. Mönche bauten deshalb im Mittelalter Aquädukte, die von einer Quelle Wasser zu Brunnen im Zentrum von Paris leiteten. Reste der Aquädukte, die fünf Jahrhunderte lang zusammen mit Regenwasser die einzige Wasserzufuhr der Stadt bildeten, sind heute noch zu sehen. Dem Wassermangel schuf erst Louis Dominique Girard 1815 Abhilfe, in dem er einen 100 km entfernten Fluss durch einen Kanal vom Land in die Stadt leitete. Allerdings reichte die Menge immer noch nicht aus, um Paris zu versorgen. Deshalb liess er zusätzlich durch eine Pumpstation Wasser aus einem zweiten Fluss in den Kanal pumpen. Über Schleusen gelangt das Wasser bis in die östlichen Vororte von Paris, von wo aus es in Brunnen geleitet wird.

Die unter anderem durch den Film Les Amants du Pont Neuf weltberühmte Pont Neuf war die erste steinerne Brücke der Stadt. Sie wurde zur Zeit von Heinrich IV gebaut, als das Flussbecken im Sommer noch für drei Monate austrocknete. Der Kalkstein des Renaissancebaus stammte aus unterirdischen Steinbrüchen in Paris. Die Bauzeit betrug dreissig Jahre. Der Kalkstein wurde zudem für den Bau vieler Pariser Häuser gebraucht.

Nach der Restauration durch den Wiener Kongress von 1814-15 gewann das Grossbürgertum in Paris in Frankreich an politischem Gewicht. Nach zwei reaktionären Intermezzi mit König Ludwig XVIII (1814-24) und König Karl X. (1824-30) folgte nach der Julirevolution von 1830 bis 1838 die Herrschaft des "Bürgerkönigs" Louis Philippe, der dem Kapitalismus zum Durchbruch verhalf.

1837 wurde die erste Eisenbahnlinie Frankreichs von Paris nach St-Germain-en-Laye eröffnet und Gaslaternen beleuchteten die seit 1834 asphaltierten Boulevards der Hauptstadt. Unter Ministerpräsident Thiers erhielt die Seinemetropole 1841-45 einen neuen Befestigungsgürtel.

Dem glanzvollen Zentrum standen allerdings die Elendsquartiere der Aussenbezirke entgegen. 1831 forderte eine Choleraepidemie in den engen, übervölkerten Altstadtvierteln 20'000 Opfer. 1848 schlug das bürgerliche Lager einen Aufstand des Pariser Proletariats nieder.

Im Dezember 1851 putschte der Neffe von Napoléon I und bisherige Präsident Louis Napoleon Bonaparte gegen die Republik und liess sich als Napoléon III zum Kaiser des Zweiten Empire küren.

1850 wohnten bereits eine Million Menschen in den damals noch engen Gassen von Paris. Kaiser Napoleon III plante deshalb den Bau breiter Boulevards, allerdings nicht nur, um der Bevölkerung Luft zu verschaffen. Gleichzeitig dienten sie militärischen Aufmärschen und erlaubten die bessere Kontrolle von Aufständen, bei denen die Armee fortan freie Schusslinie hatte.

Napoleon III beauftragte Baron Georges Haussmann mit der Errichtung der Boulevards. Dieser Visionär ging von einer zukünftigen Stadtbevölkerung von drei Millionen aus, Riss die Elendsviertel ab und baute in weniger als dreissig Jahren Prachtstrassen und liess Grünflächen zu öffentlichen Stadtparks wie den Bois de Boulogne und den Bois de Vincennes umgestalten. Markthallen, Bahnhöfe und eine fortschrittliche Kanalisation entstanden. In den zwanzig Jahren bis 1870 verdoppelte sich die Stadtbevölkerung auf zwei Millionen Einwohner.

Die Gebäudehöhe wurde strickt auf 22 m limitiert, was das heute noch weitgehend einheitliche Stadtbild ergab. Da der Kalkstein der Pariser Häuser zumeist aus dem Pariser Untergrund stammt, sieht dieser heute wie ein Schweizer Käse aus und könnte das Gewicht von Wolkenkratzern vielerorts erst gar nicht tragen. Mitterrands neues Viertel La Défense entstand denn auch am Rand des historischen Stadtkerns.

Mit der Niederlage von Sedan und der Gefangennahme Napoleons II endete das Zweite Kaiserreich. Die Dritte Republik konnte die Niederlage und Besetzung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg von 1870-71 nicht verhindern. Die unter dem Elend und den demütigenden deutschen Friedensbedingungen leidende kommunistische und sozialistische Arbeiterschaft erhob sich als Kommune von Paris zum Aufstand. Die Regierungstruppen schlugen diese Arbeiterrevolte jedoch in wenigen Wochen nieder.

Frankreich hatte seine Führungsrolle auf dem Kontinent verloren, Paris jedoch erstrahlte im Glanz der Belle Epoque von 1871 bis 1914. Opulente Warenhäuser, das Grand Palais und das Petit Palais, die Basilika Sacré-Coeur sowie die Métro zwischen Maillot und Vincennes setzten neue städtebauliche Akzente. Maler wie Picasso machten die Stadt zu einem Zentrum der Avantgarde. Literatur, Musik, Tanz und Theater florierten.

Der Eiffelturm (1889) wurde innerhalb von zwei Jahren gebaut. Er blieb bis zur Einweihung 1932 des Empire State Building in New York das höchste Gebäude der Welt. Es gefiel aber vielen Parisern nicht, weshalb es nach der Weltausstellung wieder hätte abgerissen werden sollen, doch rasch wurde es zum unbestrittenen Wahrzeichen der Stadt, das heute jährlich von über sechs Millionen Menschen besucht wird.

In den Goldenen Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts war Paris ein Zentrum von Mode, Kunst, Design und Art Déco, Schauplatz der Literatenbohème, Tummelplatz der aus Russland geflohen Konstruktivisten sowie der Surrealisten.

In den 1930er Jahren gärte es auf Grund der Weltwirtschaftskrise wieder einmal im Volk. Die politische Szene radikalisierte sich. Von 1936 bis 1938 übernahm das Volksfrontbündnis aus Sozialisten und Kommunisten die Regierung. Léon Blum und Chautemps führten eine grosszügige Sozialgesetzgebung ein.

Am 14. Juni 1940 besetzten deutsche Truppen Paris. Nach aussen erhielten die Nazis die Fassade einer weltoffenen Stadt. Doch die Gestapo ging gegen den aktiven und passiven Widerstand hart vor. Als Hitler 1944 vor dem Fall der Stadt vom deutschen Stadtkommandanten von Choltitz die Zerstörung der Stadt verlangte, verweigerte dieser den Befehl. Am 26. August 1944 zog General de Gaulle als Sieger in die Stadt wobei, wobei französische Truppen allerdings nur geringen Anteil am Sieg der Alliierten hatten.

Grössere städtebauliche Veränderungen gab es unter Staatspräsident Pompidou (1969-74) mit dem Bau des Centre Pompidou für die Kunst des 20. Jahrhunderts sowie vor allem unter Staatspräsident Mitterrand. Unter dem Sozialisten wurden 1986 das Wissenschafts- und Technikmuseum Cité des Sciences et de l'Industrie im Parc de la Villette eröffnet und die Gare d'Orsay in ein Museum der Kunst des 19. Jahrhunderts umgewandelt. 1988 wurde das Institut du Monde Arabe eingeweiht, das ein Brücke der Versöhnung und Verständigung zwischen Frankreich und seinen ehemaligen muslimischen Kolonien, zwischen Islam und Christentum bilden soll. Zum 200. Jubiläumsjahr der Französischen Revolution von 1989 wurde im Ehrenhof des Louvre die grosse Glaspyramide als neuer Eingang ins weltgrösste Kunstmuseum eingeweiht. Die neue Volksoper an der Place de la Bastille, die Grande Arche in La Défense, als Gegenstück zum Arc de Triomphe gedacht, und das gigantische Finanzministerium in Bercy öffneten ihre Tore. 1995 schliesslich weihte Mitterrand sein letztes grosses Monument, die neue Nationalbibliothek, im Ostpariser Tolbiacviertel ein.

Im Dezember 1999 stürzte eine Concorde nach dem Start vom Flughafen Charles de Gaulle ab und leitete so das (vorübergehende) Ende des kommerziellen Überschallfluges ein.

Zum ersten Mal seit 100 Jahren hat Paris seit März 2001 wieder einen sozialistischen Bürgermeister, der sich zudem wie sein Berliner Kollege öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. In seiner Amtszeit wurde 2002 im Palais de Tokyo der Site de Création Contemporaine eröffnet, in dem nur Kunstwerke, die nicht älter als ein Jahr sind, gezeigt werden.

Zu Teil 1 der Pariser Stadtgeschichte.


Nachtsicht auf Invalides und Arc de Triomphe: © Paris Tourist Office - Fotograf: David Lefranc.

Neu zu Paris am 17.4.2005:
- Hotel Le Bristol
- Restaurant Le Bristol


Fernsicht auf das Centre Pompidou und den Palais de Justice. © Paris Tourist Office Fotograf: David Lefranc - Architekt: Renzo Piano und Richard Rogers.


Musée du Louvre und Pyramide du Louvre. © Paris Tourist Office - Fotograf: David Lefranc - Architekt: Leoh Ming Peï.

Quelle, Literatur

- Baedeker Allianz Reiseführer Paris. 2003, 287 S. Bestellen bei Amazon.de. Der Baedeker Paris ist die Hauptquelle für den nebenstehenden Artikel. Neben einer Einführung in die Geschichte von Paris bietet der Band vor allem dem kunstsinnigen Reisenden viel.



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