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Hotel
Gutenbergs
1 Doma Laukums Riga
Artikel vom 1. Januar 2006, letztmals aufdatiert am 26. Januar 2006
Seit Riga von den Billigfliegern
entdeckt wurde, platzt Lettlands Hauptstadt endgültig aus allen touristischen
Näten. Obwohl beständig Hotel-Neueröffnungen anstehen und tapfer weiter gebaut
wird, fehlen weiterhin Betten in allen Kategorien.
Bereits 2001 wurde das Hotel Gutenbergs eröffnet. Es ist strategisch günstig im Herzen
der Altstadt, am Domplatz, in einer ruhigen Seitenstrasse nicht unweit des Präsidentenpalastes gelegen. Das
Vier-Sterne Etablissement wirbt als Familienhotel mit freundlicher Atmosphäre.
Es ist kein Luxushotel, dafür kann es mit einer kulturell bedeutenden Geschichte,
mit der einzigen Sommer-Hoteldachterrasse
sowie mit einem für lettische Verhältnisse ausgezeichneten
Restaurant aufwarten.
Gleich vorneweg, der Mainzer Johannes Gutenberg (eigentlich Johannes Gensfleisch
zur Laden), der um 1450 den Buchdruck mit beweglichen Metalltypen erfand, war
nie in Riga. Der Name Hotel Gutenbergs leitet sich vielmehr vom Faktum ab, dass
das Gebäude zuvor eine bedeutende Buch- und Zeitungsdruckerei beheimatete. Das
Gutenberg-Basrelief auf der Gebäudefassade ist folglich dem Schutzpatron des
Drucker-Gewerbes gewidmet.
Im Hotel finden sich leider keine alten Druckmaschinen mehr, die alle in ein
neues Gebäude transferiert wurden. Die Dekoration im zweiten Stock ist
allerdings der Geschichte des Buchdrucks in Riga gewidmet. Neben den ersten hier
gedruckten deutschsprachigen Zeitungen sind Kopien von
Seiten der Gutenberg-Bibel von 1450 in der Hotellounge und in den Zimmern des
zweiten Stocks ausgestellt.
Das Hotel Gutenbergs besteht aus zwei Gebäuden, einem aus dem 17. und einem
aus dem späten 19. Jahrhundert. Das neuere Haus wurde vom bedeutenden
lettischen Architekten Jânis Baumanis (1834-1891), der
rund 300 Gebäude in Riga baute, als
Buch- und Zeitungsdruckerei entworfen. 120 Jahre lang befand sich hier die
bedeutendste Druckerei Lettlands. Das ältere Gebäude ist ein
ehemaliges Lagerhaus, das einst dem Import und Export von Gütern aus aller Welt
diente.
Viele bedeutende lettische Autoren verfassten in diesen Mauern Bücher und
Artikel. Einer der berühmtesten unter ihnen war der Romanschriftsteller Rûdolfs Blaumanis
(1863-1908), der ganze sechs Jahre seiner Jugend hier verbrachte und dabei seine
Mansarde mit dem Komponisten Emilis Melngailis teilte.Blaumanis' erste Stücke
wurden hier gedruckt. Sein Studierzimmer befand sich im heutigen vegetarischen
Restaurant Kirbis.
Lettlands bekanntester Dichter und Schriftsteller,
Rainis - Jânis Pliekðâns (1865-1929), ein Patriot, der
sich für ein freies Lettland und eine freie Presse einsetzte. 1897 wurde er
gefangen genommen und in Russland interniert. Nach seiner Rückkehr nach Lettland
1903 musste
er nach
der Revolution von 1905 ins Exil fliehen. Er liess sich von 1906 bis zur
Rückkehr nach Riga 1920 mit seiner Frau Aspazija - Elza Rozenberga (1868-1943), die er 1897 geheiratet hatte,
im schweizerischen Lugano nieder. Aspazija kam
oft in die Druckerei im Haus des heutigen Hotel Gutenbergs, um hier Freunde zu treffen und um finanzielle
Hilfe anzufragen. Sie war selbst
Schriftstellerin und übersetzte zudem Werke ihres Mannes.
Im Haus nebenan wohnte übrigens der Deutsche Paul Schiemann (1876-1944). Er war
Anwalt, Publizist und von 1907 bis 1933 Herausgeber der Rigaschen Rundschau.
Er war der Führer der deutschen Faktion in der Saeima, dem lettischen Parlament,
und ein überzeugter Antifaschist, der sich Hitlers ruf der Repatriierung der
Deutschbalten verweigerte. Er blieb im Zeiten Weltkrieg in Lettland und rettete
viele Juden.
Wie sah das Hotel früher aus? Im Erdgeschoss, dem heutigen
Restaurant, war zu Zeiten der Buch- und
Zeitungsdruckerei der Laden eines Blechschmiedes. Riesige Druckereimaschinen
standen im Stockwerk der heutigen Rezeption. Im darüberliegenden Geschoss
arbeiteten Schriftsetzer. Noch ein Stock höher waren die Buchbinder zuhause. Der
heutige Bankettsaal war damals ein Fotostudio.
Da Riga eine über 800jährige Geschichte hat, erstaunt es nicht, dass man bei den
Arbeiten den Untergeschossen des Hotels auf Überreste eines livischen Dorfes
fand. Die Liven sind ein altes, finno-ugrisches Seefahrervolk, das später zu den
Gründervölkern Lettlands gehörte. Später im 13. Jahrhundert, als die Kreuzritter
die Gegend erobert hatten, befand sich auf dem Hotelgrundstück ein bischöfliches
Schloss.
Zurück zum Hotel: Rund die Hälfte der Zimmer haben ein Bad, die andere Hälfte eine Dusche.
Die Dekoration ist für meinen Geschmack eine Spur zu traditionell. Sie soll laut
Agija Bākule und Egīls Porietis der Firma Palazzo Riga den romantischen Stil der
Entstehungszeit der Häuser reflektieren. Im Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, in
dem der Schreibende untergebracht war, sorgen die alten Holzbanken für eine
besonders heimelige Atmosphäre.
Das Hotel Gutenbergs ist in der Geschichte und Kultur Rigas tief verankert, ohne
dabei den Anschluss an die Moderne verpasst zu haben. Der WiFi Internetzugang im
ganzen Hotel sichert den Kontakt mit der ganzen Welt.
Rund 45 Angestellte, darunter einige Studenten, kümmern sich um die 38 Zimmer,
darunter 5 Juniorsuiten und eine Suite. Die Geschäfte scheinen gut zu gehen,
denn Besitzer und Hoteldirektor Sandis Solims wird 2006 rund 150 km südöstlich
von Riga ein Wellness-Hotel eröffnen.

Blick in den Bankettraum "Johann" mit Tageslicht, der gerne von
Regierungsdelegationen
genutzt
wird.
Photo © Hotel Gutenbergs, Riga.
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Die Fassade; "Viesnica" ist lettisch für "Hotel".
Photo © Hotel Gutenbergs, Riga.

Die einzige Hotel-Sommerdachterrasse in ganz Riga befindet sich im 6. Stock
des Hotels
Gutenbergs. Sie ist offen von April bis September und wird an Wochenenden
oft für
Hochzeiten gebucht.
Photo © Hotel Gutenbergs, Riga.

Ein Zimmer im Hotelteil aus dem 17. Jahrhundert mit den heimeligen Holzbalken.
Photo © Hotel Gutenbergs, Riga.

Ein Zimmer im Hotelteil aus dem 19. Jahrhundert.
Photo © Hotel Gutenbergs, Riga.
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