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Die Geschichte
Venedigs
Artikel vom 15. Januar 2009
Thomas Mann bezeichnete in Tod in
Venedig die Serenissima als „halb Märchen, halb Touristenfalle“. Daran hat
sich bis heute nichts geändert. Die Republik Venedig ist längst Geschichte. Der
Abstieg begann vor vielen Jahrhunderten. Als winziger Teil Italiens ist die
Stadt politisch und wirtschaftlich schon lange unbedeutend. Doch kulturell hin
und wieder leuchtend und mit dem morbiden Charme des Zerfalls ausgestattet
verzaubert Venedig die Touristen nach wie vor.
Die Geschichte Venedigs beginnt mit der Völkerwanderung nach dem Zusammenbruch
des Weströmischen Reiches im Jahr 476 nach Christus. Als Hunnen- und
Germanen-Stämme im 5., 6. und 7. Jahrhundert das venezianische Festland unsicher
machten, flohen viele Ortsansässige sowie Flüchtlinge aus dem weiteren Umkreis
auf die Inseln der Lagune. Das Festland und ganz Norditalien gerieten unter die
Herrschaft der Goten und später der Langobarden, während dem sich die
Lagunenbewohner unter die Schutzherrschaft des Byzantinischen Reiches stellten,
das aus dem Oströmischen Imperium hervorgegangen war.
Im Jahr 697 ernannte der byzantinische Exarch von Ravenna den Dogen (von
lateinisch Dux - Führer) Venedigs. Sein Regierungssitz lag auf der Insel
Heraclea. In der der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts residierten die Dogen
auf der inzwischen untergegangenen Insel Malamocco, an die heute lediglich noch
eine kleine Ortschaft am Lido erinnert. Malamocco wurde im 12. Jahrhundert von
einem Erdbeben und der nachfolgenden Sturmflut vollständig zerstört. Bereits der
zehnte Doge Angelo Participazio verlegte den Regierungssitz zum Rialto, mit dem
die eigentliche Stadtgeschichte Venedigs beginnt.
Bis zum Jahr 804 alleine starben acht Dogen eines gewaltsamen Todes.
Einflussreiche Adelsfamilien mit Festlandbesitz stritten um die Vorherrschaft in
der Lagune. Von Tourismus war damals natürlich noch keine Rede, sondern der
Kampf drehte sich um die Ausbeutung der lukrative Salinen. Erst als die Franken
unter Karl dem Grossen und seinem Sohn Pippin Venedig belagerten, besannen sich
die Insulaner auf die Bündelung ihrer Kräfte zur Verteidigung der Lagune. Die
Civitas Venetiarum mit dem Rivus Altus als Keimzelle wehrte sich erfolgreich und
wurde bald in Venetia umbenannt.
In den folgenden Jahrhunderten expandierte Venedig wirtschaftlich und
militärisch zu Wasser und zu Land. Von den Inseln in der Lagune eroberten die
Kaufleute und Piraten die See- und Handelswege durch die Adria ins östliche
Mittelmeer. Byzanz befand sich damals auf dem absteigenden Ast und gewährte dem
verbündeten Venedig den Statuts eines Freistaates. Die offenen Häfen und
Handelsrouten des Orients erlaubten den Venezianern den Aufstieg zur See- und
Handelsmacht.
Im Jahr 828 stahlen die Venezianer die Gebeine des Evangelisten Markus aus
Alexandria und brachten ihn nach Rialto, wo er zum Heiligen der Lagunenstadt und
später zum Namenspatron des weltberühmten Markusplatzes avancierte. Die
Bevölkerung wuchs rasch an und einflussreiche Kaufmannsfamilien dominierten die
Stadt und kontrollierten die Macht des Dogen.
Beim vierten Kreuzzug 1202-1204 fiel Venedig der einstigen Schutzmacht Byzanz in
den Rücken. Der 92jährige blinde Doge Enrico Dandolo (aus der Familie, die
später den Palast des heutigen
Hotels Danieli baute) sandte die Kreuzfahrer nach
Konstantinopel, anstatt nach Palästina. Unter dem Vorwand, die Einheit des
Christentums wieder herzustellen wurde Konstantinopel geplündert und zerstört.
Nahezu die Hälfte des ehemaligen Ostrom fiel an Venedig.
Der Stadtstadt stieg von einer Seemacht zur Grossmacht auf, mit Stützpunkten auf
den meisten ägäischen sowie einigen ionischen Inseln wie Korfu und Kreta,
daneben in vielen Häfen des Peloponnes und später auch auf Zypern.
Der Aufstieg Venedigs forderte den Erzfeind Genua heraus, der sich mit den
Nachfolgern der entthronten byzantinischen Kaisern verbündete. Die Genueser
blockierten zahlreiche venezianische Handelsstückpunkte und besetzten gar die
Lagunenstadt Chioggia. Die Kämpfe um die Vormachtstellung im Mittelmeerraum
dauerten von 1257 bis 1381 und endeten mit dem Sieg Venedigs. Die Stadt zählte
damals rund 200,000 Einwohner. Die Patrizierfamilien errichteten prunkvolle
Paläste und bedeutende Sakralbauten. Glashütten, Seidenwebereien, Schiffswerften
und der Handel mit Gold und Silber, Bernstein, Holz, Wolle, Zinn und Eisen
machten die Stadt reich.
Im 15. Jahrhundert dehnte Venedig seine Herrschaft zusätzlich auf dem Festland
auf. Der Schutz gegen das Osmanische Reich und die Erreichung einer
Vormachtstellung im Gebiet des heutigen Italien waren das Ziel. Mit Hilfe von Condottieri genannten Feldherren über Söldnerheere eroberte Venedig Gebiete der
dalmatinischen Küste, im Friaul und in der Emilia-Romagna. Zur Sicherung der
Herrschaft wurden Statthalter eingesetzt. Unter dem Dogen Fancesco Foscari
(1423-1457) erreichte Venedig seine grösste Ausdehnung.
1453 eroberte das Osmanische Reich Konstantinopel und gefährdete die
venezianische Vormachtstellung im östlichen Mittelmeer. Kreta, der Peloponnes
und Zypern gingen verloren. Osmanische Seeräuber drangen bis in die Adria vor
und besetzten 1499 gar Gebiete im Friaul. Die über drei Jahrhunderte andauernde
Ausdehnung des Osmanischen Reiches bedeutete den stetigen Machtzerfall der Serenissima Repubblica Veneta
im östlichen Mittelmeer.
Der venezianische Aufstieg hatte auch in Westeuropa zu Ärger, Neid und Argwohn
geführt. 1508 formierte sich eine antivenezianische Allianz in der Liga von
Cambrai. Papst Julius II., Kaiser Maximilian I. und der französische König
Ludwig XII. wiesen die Venezianer in der Schlacht von Agnadello an der Adda 1509
in die Schranken. Die Lagune und ihre Flotte hielten bis zur Auflösung der Liga
von Cambrai stand, doch die Grossmachtstellung Venedigs war dahin.
Die Entdeckung des Seeweges nach Indien durch Vasco da Gama erschütterte 1499
die Handelsstellung Venedigs weiter. Die noch immer finanzkräftige Serenissima
versuchte sich verzweifelt dagegen zu wehren und plante im 16. Jahrhundert den
Bau des Suezkanals, der damals aber technisch noch nicht möglich war, in jedem
Fall nicht umgesetzt werden konnte.
Venedig setzte nun auf die innere Konsolidierung und rüstete weiter gegen die
noch nicht gebannte Türkengefahr. 1571 suchte die Heilige Liga unter Papst Pius
V. die Konfrontation mit den Türken, wobei die Venezianer die Hälfte der Waffen
und Schiffe stellte. Obwohl die christliche Allianz in der Schlacht von Lepanto
1571 siegreich war, bedeutete dies kein Wiedererstarken Venedigs, da sowohl der
mächtige Kirchenstaat wie auch das aufstrebende Spanien dies zu verhindern
wussten.
Die Venezianer hatten sich oft als Freidenker hervorgetan, die mit den
Protestanten und Calvinisten sympathisierten. Die Dogen liessen sich vom
Humanismus der Renaissance leiten. Als der Doge Leopold Donato (1606-1612) sich
dem Kirchenbann erfolgreich widersetzte, den Papst Paul V. wegen der
Verurteilung zweier hoher geistlicher nach venezianischem Recht verfügt hatte,
bedeutete dies für den Vatikan ein herber Rückschlag.
1575 und 1630 wurde Venedig von der Pest heimgesucht. Die zweite Epidemie holte
sich die Republik, an der Seite Frankreichs kämpfend, vom
französisch-habsburgischen Krieg nach Hause. In der Folge starb rund ein Drittel
der Bevölkerung. Die Stadt stand 16 Monate unter Quarantäne, was dem Handel
nicht zuträglich war. Als sich die Republik von den Folgen der Pest erholt
hatte, wurde sie 1645 von den Türken in einen Kieg um Dalmatien, den Peloponnes
und Kreta verwickelt. Nach zwischenzeitlichen Erfolgen gingen 1669 Kreta und
1718 der Peloponnes endgültig verloren. Als die neue Grossmacht Habsburg die
Türken zurückdrängte, gab Venedig die letzten Handelsstützpunkte im ägäischen
Meer auf. Nun stand nur noch die Rettung der kleinstaatlichen Unabhängigkeit der
Republik auf dem Programm.
Wirtschaftlich verlor Venedig seine führende Stellung im Kreditwesen und im
Handel an nord- und westeuropäische Konkurrenten. Die Lagunenstadt wurde immer
protektionistischer und beschleunigte so den Niedergang. Die Herstellung von
luxuriösem Glas und der beginnende Tourismus konnten den Niedergang Venedigs
allerdings nicht verhindern.
Die kulturelle Blüte Ende des 18. Jahrhunderts wurde überschattet vom Ende der
Republik. Bereits 1724 zählte die einstige Königin der Adria nur noch 216
Patrizierfamilien, gerade noch so den überdehnten Beamtenapparat und den Grossen
Rat zu besetzen vermochten. Nach wie vor hing der Zugang zu Spitzenpositionen
vom Vermögen ab. Die reformunfähige Republik hielt sich 1750 am Kirchenbesitz
schadlos, um das unruhige Volk mit Fürsorgeeinrichtungen ruhig zu halten. Zudem
musste die Lagune mit einer wellenbrechenden, 15km langen, 14m breiten und 4,5m
hohen Deichanlage geschützt werden. Tiepolo, Casanova und Goldoni verliehen dem
Abgesang der Republik künstlerischen Glanz.
Im französischen Revolutionsjahr 1789 kam der letzte Doge, Ludovico Manin, an
die Macht. Als Napoléon Bonaparte 1797 einmarschierte verlor die Adelsrepublik
ihre Selbständigkeit. Im Mai 1797 erklärte der Grosse Rat mit lediglich 30
Gegenstimmen die Abschaffung der Republik. Napoléon Bonaparte verbrannte das
Goldene Buch der Serenissima, das die Namen aller bedeutenden Patrizierfamilien
enthielt. Noch 1797 gliederte der Franzose das gesamte Veneto einschliesslich
Venedig Österreich an.
1805/06 fiel Venedig ans napoleonische Königreich Italien, ehe es 1814/15 als
Teil des Lombardo-Venezianischen Königreichs erneut zu Österreich geschlagen
wurde. Am 23. März 1849 schliesslich rief Daniele Manin die Repubblica di San
Marco in Venedig aus, die ein gutes Jahre lang ihre Unabhängigkeit behaupten
konnte, ehe am 23. August 1849 die Österreicher die Republik zurückeroberten und
den Belagerungszustand erst 1854 aufhoben.
Das absolutistische Österreich wiederum verlor 1866 den Krieg gegen die
Preussen, mit dem das 1861 gegründete Königreich Italien verbunden war, dem im
Frieden von Wien daher am 3. Oktober 1866 Venedig zugeschlagen wurde.
Misswirtschaft und Korruption regierten. Das Veneto jedoch erlebte einen
fortgesetzten Niedergang. Bis 1890 wanderten rund 1,4 Millionen Menschen aus. In
der Stadt Venedig lebte rund ein Drittel der Bevölkerung in Armut. Erst die
Eröffnung des Hafens und des Schwerindustrie-Komplexes in Mestre-Marghera 1917
brachten Hoffnung zurück. Fortan setzte die Lagune auf den Tourismus, das
Festland auf die Industrie.
Trotz der Ansiedelung der Rüstungsindustrie in Marghera blieb Venedig im Zweiten
Weltkrieg von grossen Zerstörungen verschont. Doch da die Industrie bis in die
1970er Jahre Vorrang hatte, verschlechterte sich die ökologische Situation der
Lagune zusehends. Zudem überalterte die Stadt Venedig zusehends. Seit den 1990er
Jahren unter Bürgermeister Cacciari (1993-2000 und 2005-?) setzt die
Stadtregierung auf Kanalreinigung, Schutz vor Hochwasser, Subventionierung der
Renovierung von Wohnhäusern, die Universität mit ihren jungen Menschen und die
Ansiedelung von europäischen Institutionen. Gleichzeitig entdeckte das Jetset
verstärkt Venedig. Verwaltung und Tourismus bleiben weiterhin die entscheidenden
Einkommensquellen. Der Massentourismus zusammen mit dem steigenden Wasserspiegel
stellen dabei die grösste Gefahr für die Stadt dar, die jeder in seinem Leben
mindestens einmal besuchten haben sollte, was zum erwähnten Massentourismus
führt...
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Der Canal Grande. Photos Copyright © Tourist Board of Venice Province.

Eine historische Regatta.
Photos Copyright © Tourist Board of Venice Province.

Die Zollstation
Punta della Dogana. Hier entsteht das neue Museum des französischen
Milliardärs François Pinault, dem bereits der Palazzo Grassi gehört. Es soll
im Juni 2009 eröffnet werden. Photos Copyright © Tourist Board of Venice Province.

Der Markusplatz - die Piazza San Marco. Photos Copyright © Tourist Board of
Venice Province.

Gran Canal - Canalazzo - Canal Grande mit der Rialto-Brücke im Hintergrund.
Photos Copyright © Tourist Board of Venice Province.

Piazza San Maria Formosa.
Photos Copyright © Tourist Board of Venice Province.
Quellen und weiterführende Literatur zu Venedig
- Baedeker Venedig, 2002, 222 S. Eine ausgezeichnete Quelle für
Geschichte, Kunst, Kultur und Sehenswürdigkeiten in Venedig. Die Hauptquelle für
diesen Artikel.
- Der Canal Grande von Umberto Franzoni und Mark Smith, Hirmer Verlag,
München, 1994, 319 S. Ein sehenswerter, leider nur antiquarisch erhältlicher
Bildband.
- The Story of Art of This Century. Peggy Guggenheim & Frederick Kiesler,
Hatje Cantz, 2004, 395 S. Peggy Guggenheim und ihr Museum in der Lagunenstadt
bilden einen Meilenstein der Kulturgeschichte.
- Venezia! Kunst aus venezianischen Palästen. Sammlungsgeschichte Venedigs
vom 13. bis 19. Jahrhundert, Hatje Cantz, 2002, 415 S.
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