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Die Geschichte des "Vier Jahreszeiten" in der Zeit der Weimarer Republik
Artikel vom 22. Januar 2004
 
Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Auftakt zur Weimarer Republik gestaltete sich turbulent. Am 5. November 1918 begann der Aufstand der Matrosen in Kiel gegen die Marineführung. Die Revolte griff nach am selben Tag auf Hamburg über. Dabei spielten das "Vier Jahreszeiten" und sein Besitzer Friedrich Haerlin eine besondere Rolle.

Auf der Jagd nach Kaisertreuen nahmen die Aufständischen das "Vier Jahreszeiten" vom Dach des Alsterpavillons unter Beschuss, denn hier sass noch immer das "Oberkommando der Küstenverteidigung". Kurz darauf stürmten 40 schwerbewaffnete Marinesoldaten mit roten Armbinden das Hotel. Dabei trafen sie auf den 1,90 Meter grossen Friedrich Haerlin. Nach Aussage des damaligen Oberkellners, Carl Braun, sagte ihnen der Hotelier mit ruhiger Stimme: "Hier ist niemand versteckt. Aber warten Sie doch einen Augenblick, meine Herren!" Kurz darauf kam er mit vier Würsten aus der Küche zurück, die er an die Revolutionäre verteilte, die daraufhin abzogen. Laut Carl Braun kapitulierten sie vor vier Würsten, wohl weil sie Hunger hatten.

Einige Tage später beschlagnahmte der "Oberste Marinerat der Unterelbe" das gesamte Hotel und machte es zu seinem Hauptquartier. Der Arbeiter- und Soldaten-Rat hatte in Hamburg die Macht übernommen. Senat und Bürgschaft wurden abgesetzt, konnten aber bereits eine Woche später unter dem Arbeiter-und-Soldaten-Rat wieder administrative Aufgaben übernehmen. Zum glimpflichen Verlauf trug der Freund Haerlins, Albert Balllin, viel bei. Der Reeder erlebte den Erfolg seiner Vermittlung allerdings nicht mehr. Der finanziell Ruinierte beging Selbstmord.

Am Abend des 4. Dezember trafen sich im "Vier Jahreszeiten" Verschwörer innerhalb der Soldatenräte. Sie planten einen Putsch, wurden jedoch von einem Teilnehmer verraten und verhaftet. Die Soldatenräte blieben bis am 16. März 1919, dem Tag der ersten freien und gleichen Wahlen der Bürgerschaft, im Amt. Erst da zog der Oberste Marinerat aus dem "Vier Jahreszeiten" aus.

Friedrich Haerlin beklagte, dass die revolutionäre Soldateska alles von Wert, insbesondere Messing- und Kupferteile, sogar den Kupfernen Boiler vom Badezimmer, mitgenommen hatte. Das Haus sei im zurückgelassenen Zustand nicht mehr bewohnbar gewesen.



Zusammen mit Frau Thekla und Sohn Fritz renovierte er das Haus grundlegend. Als neue Attraktion schuf er das Restaurant Haerlin, das sich bald zur ersten kulinarischen Adresse in Hamburg entwickelte.

Am 1. November 1919 gründete Friedrich Haerlin die Betriebsfirma "Haerlin jr. & Co. GmbH". Dieser Gesellschaft, an der nur Familienmitglieder beteiligt waren, verpachtete er sein Hotel. Der 21jährige Sohn Fritz wurde als Geschäftsführer eingesetzt, damit er sich im Tagesgeschäft unter den Augen des Vaters, der als Beirat die oberste kaufmännische Leitung behielt, bewähren konnte. Dank guter Kompetenzregelung klappte die Zusammenarbeit. Das Hotelgeschäft belebte sich langsam wieder.

Als sich in den 1920er Jahren die Inflation zur Hyperinflation entwickelte, war das "Vier Jahreszeiten" selbst im Winter ausgebucht. Insbesondere für die zahlungskräftige ausländische Kundschaft mit Devisen waren Deutschland spottbillig. Friedrich Haerlin investierte seine Gewinne, die durch die Inflation vernichtet worden wären, in den weiteren Ausbau seines Hotels und in den Weinkeller, für den er die besten Lagen von Rhein und Mosel sowie besonders viele Bordeaux-Jahrgänge orderte. Schlussendlich lagerten 35,000 Flaschen im Keller, mit wertlosem Papiergeld eingekauft. Ein wahrer Schatz.

Als Privatmann kaufte sich Friedrich Haerlin 1920 eine Villa mit Garten, dazu ein angrenzendes zweites Haus mit Gärtnerei. Beide Gebäude waren heruntergekommen und mussten saniert werden. Es gelang ihm, auch sein Privatvermögen werterhaltend anzulegen.

Sohn Fritz arbeitete in den 1920er Jahren in Hotels in Skandinavien, der Schweiz und Spanien, wo er im Ritz Carlton in Madrid zuerst an der Rezeption, danach im Management tätig war. Anschliessend brach er zu einer Weltreise auf. In New York erregte er im führenden Fachblatt New York Hotel Review für Aufsehen, weil er als Hotelerbe, dem in Europa alle führenden Häuser offen standen, im Hotel "Astor", dem späteren "Waldorf Astoria", als Kellner ganz unten auf der Karriereleiter anfing. Das imponierte.

Als Steward war er in die USA gefahren, und so setzte er seine Weltreise auch fort. Er arbeitete in den besten Hotels in San Francisco, Honolulu, Japan, China, Indien und Ägypten. Zurück in Hamburg genoss das Leben als wohlhabender Junggeselle, ein wenig Bohemien, ein wenig Playboy. Von seiner Weltreise hatte er 1500 Dollar mitgebracht, in Zeiten grosser Inflation ein Vermögen. Schöne Frauen, schnelle Autos, Pferdesport und Rotary Club hiessen die Koordinaten in seinem Leben.

1928 gab Friedrich Haerlin dem Hotel sein heutiges Gesicht. Das 1914 teuer gekaufte Haus Nr. 14 wurde abgerissen, alle Gebäude auf fünf Stockwerke gebracht, oben ein 61 Meter langer Balkon gebaut und die ganze Häuserfront mit einem Kupferdach gekrönt. Direktor Johannes Kretschmar leitete damals zusammen mit Fritz Haerlin das Hotel. Kretschmar war 1907 als Saucenkoch ins "Vier Jahreszeiten" gekommen. Nach zwei Jahren war er Küchenmeister, 1920 Geschäftsführer der Abteilung "Küche, Einkauf und Festlichkeiten".

Zu den Persönlichkeiten, die in jenen Jahren im "Grand Hotel Vier Jahreszeiten" abstiegen, gehörte seine Majestät Fuad I, König von Ägypten. Im Juni 1929 kam er als erstes gekröntes Haupt nach dem Krieg nach Hamburg. Der König sprach übrigens fliessend deutsch. - Fortsetzung: Das Vier Jahreszeiten 1933-1945.


Panorama-Ansicht des Hotels. Foto © Raffles Hotel Vier Jahreszeiten.


Die Quelle für den nebenstehenden Artikel, weiterführende Literatur
Sepp Ebelseder, Michael Seufert: Vier Jahreszeiten. Hinter den Kulissen eines Luxushotels. Die Hanse, Hamburg, 2002, 460 S. Bestellen bei Amazon.de; Erstausgabe 1999, Rowohlt, bestellen bei Amazon.de. Das Buch der zwei ehemaligen Redaktoren der Zeitschrift Stern ist die Quelle für den nebenstehenden Artikel. Es ist flüssig, leicht lesbar und unterhaltsam geschrieben, was sich in unserer Biographie von Friedrich Haerlin hoffentlich wiederspiegelt.
 

Blick in die Wohnhalle des Hotels. Foto © Raffles Hotel Vier Jahreszeiten.
 

Das Schlafzimmer in der Suite 500. Foto © Raffles Hotel Vier Jahreszeiten.



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