Was man
auf Reisen so alles erlebt
Artikel vom 11. Februar 2005
Wenn einer eine Reise macht, so kann er
was erzählen. Das ist leider nicht immer erbauend. Manchmal schlagen Murphys'
Gesetze brutal zu: Wenn etwas schief gehen kann, so wird es schief gehen.
An einem Abend Mitte Januar lag der Schreibende auf einem Budapester Hotelbett
und fragte sich: Gehe ich jetzt noch in den Fitnessraum, um die bei Mama über
Weihnachten und Neujahr angefressenen überschüssigen Kilos wieder los zu
werden, oder esse ich noch einen Käsekuchen?
Natürlich traf ich die falsche Entscheidung, nahm mein Portemonnaie und
kaufte mir ein Stück Kuchen; wie sich später herausstellen sollte, das
teuerste meines Lebens. Auf dem Weg vom Hotelrestaurant zum Zimmer machte ich
an der Rezeption halt, um noch eine Zeitung mitzunehmen und den Weckruf für
den nächsten Morgen zu organisieren.
Mit Zimmerschlüssel, Portemonnaie und Zeitung in einer Hand, dem Teller mit
dem Stück Kuchen in der anderen, ging ich zum Lift. Auf dem Flur meines
Stockwerks hörte ich ein Geräusch, das mich an etwas zu Boden Fallendes
erinnerte. Mich vorsichtig umdrehend, alles balancierend, konnte ich nichts
sehen. Gleichzeitig kam ein Paar aus einer anderen Tür. Vielleicht kam das
Geräusch ja von ihnen.
Am nächsten Morgen fand ich auf dem Boden meiner Suite den Knopf eines meiner
Hemden. Diesen wollte ich nun in meinem Portemonnaie versorgen. Jetzt erst
realisierte ich, was am vorhergehenden Abend im Flur zu Boden gefallen war.
An der Rezeption erklärte man mir, dass die Überwachungskamera am vorherigen
Abend zwischen 18 und 24 Uhr nicht funktioniert hatte. Es gebe ohnehin keine
auf dem Flur, sondern nur eine in der Lobby. Ein unehrlicher Finder konnte
folglich unbeobachtet mein Portemonnaie mitgehen lassen.
Die nachfolgende Suche durch Hauspersonal in meiner Suite sowie allen Zimmern
meines Stockwerks brachte nichts. Mehrere hundert Euros, ein paar Tausend
Forints, meine Kreditkarte, eine Bankkarte, mein Führerschein, Bahnbillete
für die Schweiz, kombinierte Pässe für Museen und die öffentlichen
Verkehrsmittel in Budapest, Berlin und Hamburg, vier Schlüssel sowie Dutzende
von Adressen und Visitenkarten waren definitiv verloren.
Das betreffende Hotel bezahlte mir grosszügigerweise den Transfer zu meinem
letzten Hotel in Budapest. Dort hatte die Pressedame übrigens vergessen, mich
fest zu buchen, weshalb ich zuerst die entsprechende e-mail auf meinem
Computer suchen musste.
In jenem Hotel riet man mir, zusätzlich zur bereits erfolgten Sperrung der
Kreditkarte auch die Bankkarte zu sperren und trotz Null-Erfolgsaussichten den
Diebstahl der Polizei zu melden.
Dort erlebte ich meine Lieblingsmomente im Zusammenhang mit dem verschwundenen
Portemonnaie. Es war Sonntag und ein deutschsprachiger Polizist musste an
seinem freien Tag wegen mir auf den Posten kommen. Seine Freundlichkeit war
dementsprechend. Der Höhepunkt kam, als ich ihn nach dem Fundbüro fragte. Fundbüro?,
die rhetorische Frage drückte sein verächtliches Bedauern über die
Naivität des Ausländers aus. In Budapest kennt man so einen Luxus nicht, da
wird wohl alles gleich weiter verwertet.
Glücklicherweise ist mein Portemonnaie zu klein für den Schweizer Pass.
Darin befand sich zudem die Quittung für den im voraus bezahlten
Minibus-Service vom Flughafen zu den Hotels und zurück.
Zurück in der Schweiz wartete bereits meine neue Kreditkarte, der neue Code
für die Bankkarte kam gerade per Post, die Karte selbst am folgenden Tag. Nur
die Sache mit dem Führerschein erwies sich als komplizierter Fall, weil die
Räder der Bürokratie manchmal langsam mahlen.
Der Schreibende rief bereits aus dem Ausland das Strassenverkehrsamt seiner
Geburtsstadt an, um den Verlust zu melden und eine neue Karte zu beantragen.
Doch das Amt erklärte sich als nicht zuständig, da ich zuletzt jahrelang in
Genf gewohnt hatte. Doch da ich den Strassenverkehrsämtern den Kantonswechsel
nie mitgeteilt hatte, tauchte mein Name im dortigen Computer erst gar nicht
erst auf.
Meine Geburtsstadt war also wieder gefragt. Da ich die Schweiz Ende 2002
verlassen habe und hier keine Steuern mehr bezahle, habe ich keinen Anspruch
mehr auf einen Schweizer Führerschein. Der zuständige Beamte meinte, ich
müsse dort, wo ich jetzt lebe, einen neuen Führerschein beantragen. Da ich
jedoch ohne festen Wohnsitz durch Europa reise, konnte ich natürlich keinen
neuen in Deutschland oder Franreich beantragen.
Das Strassenverkehrsamt brauchte neben einem neuen Foto eine Bestätigung aus
Genf, dass ich das Land verlassen habe und umherreise sowie eine
Verlustmeldung von der Schweizer Polizei, ungarisch könnten sie nicht. Zudem
galt es noch, ein kleines Antragsformular für einen neuen Führerschein im
Kreditkartenformat auszufüllen. Doch selbst mit all dem sei es nicht sicher,
dass ich einen neuen Führerschein kriegen würde. Zudem würde es ohnehin
rund zwei Wochen dauern. Der Zuständige sagte am Telefon, er werde mein
Dossier an die Rechtsabteilung nach Zürich senden.
Ich erklärte die ganze Geschichte noch schriftlich und fügte an, dass ich
die Fahrprüfung erfolgreich bestanden habe. Mir keinen neuen Führerschein
auszustellen würde de
facto bedeuten, ihn mir grundlos abzuerkennen. Glücklicherweise gibt es
in Zürich noch Beamte mit gesundem Menschenverstand, denn bereits zwei Tage
später lag der neue Führerschein im Briefkasten meiner Mutter.
Nun kam leider Murphys thermodynamisches Gesetz ins Spiel: Dinge verschlimmern
sich unter Druck. Als ich endlich alles - abgesehen von der Kohle, den
Schlüsseln und Adressen - zurück hatte, wollte ich endlich wieder einige
Artikel schreiben.
Leider war der nahe bei meiner Mutter lebende Bruder nun bereits in den
Skiferien, und meine über 80jährige Mutter ohne Internetzugang. Die
Schweizer Provider bieten Breitband-Internetanschlüsse nur Leuten an, die
einjährige Verträge abschliessen. Für die rund jährlich zehn Wochen, die
ich in der Schweiz bin, lohnt sich das nicht. Laut Telefonbuch gibt es in
meiner Geburtsstadt keine Internetcafés, was die telefonische Auskunft
bestätigte.
Da die lokale Stadtbibliothek am Montag erst um 9 Uhr öffnet, rief ich um 8
Uhr mein ehemaliges Gymnasium an, denn durch das Telefonbuch hatte ich von der
dortigen Informatikabteilung erfahren. Der Zuständige meinte unkompliziert: "Kein
Problem". Er sei noch eine halbe Stunde im Arbeitszimmer. Ich könne
danach auch noch weiter arbeiten.
Tolle Nachrichten, dachte ich. Da wie meine Mutter ohne Auto, der Bus
vielleicht zu langsam, nahm ich das alte Fahrrad meiner Mutter, den Computer
in einem Korb auf dem Gepäckträger. In Eile rutschte ich bereits nach rund
400 Metern auf einer verschneiten Strasse weg und brach mir das linke
Handgelenk.
In der Hoffnung, es sei vielleicht nur stark gestaucht, fuhr ich einhändig
ins Gymnasium und erhielt dort den erhofften Internetzugang. Das linke
Handgelenk war jedoch überhaupt nicht mehr zu gebrauchen.
Zufälligerweise waren an jenem Tag gerade einige Kinderärzte zur jährlichen
Visite im Spital. Kurz nachdem ich mit meiner Frage nach den Ärzten im
Sekretariat vorstellig geworden war, erschienen diese. Und siehe da, einer war
zu meiner Zeit am Gymnasium gewesen. Ich kannte ihn vom Sehen. Er lud mich in
seine Praxis ein, wo ein Röntgenbild den sauberen Bruch bestätigte. Er
verpasste mir eine kleine Schiene und einen Verband bis zum Ellbogen.
Nach dem diebstahl- und unfallfreien Amsterdam und einem ebensolchen
Zwischenstopp im empfehlenswerten Genfer Hotel Richemont wurde dieser Artikel soeben in Rom mit
einem Finger getippt. Lieber Murphy, was kommt nun?
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